Wieso sollte ein Hund wie ein Wolf ernährt werden?

Entwicklung des Verdauungstraktes des Hundes im Gegensatz zum Wolf

Der Hund hat sich im Laufe der Evolution sehr stark verändert. Nicht nur äußerlich, auch charakterlich weichen der Urvater der Hunde, der Grauwolf, und der heutige Haushund stark voneinander ab. Die meisten Haushunde würden heutzutage wahrscheinlich nicht mehr in der Lage sein, ein Reh zu jagen und zu erlegen, dabei war dies vor langer Zeit die natürliche Ernährung eines Hundes. Hat sich durch die Zucht und daraus resultierende äußerliche Veränderungen auch der Verdauungstrakt verändert?

Vergleich der Verdauungsträkte

Hunde sind als Karnivore klassifiziert, egal ob ein kleiner Schoßhund oder ein amerikanischer Wolfshund. Doch was identifiziert sie als solche?

Beginnt man vorne am Maul, stellt man fest, dass der Hund, wie auch der Wolf, sein Maul extrem weit aufbekommt. Der Wolf muss seine Beute in der Wildness jagen und erlegen. Um einen Hirsch zu packen und zu töten, braucht er diese weite Maulöffnung. Im Vergleich zu einem Braunbär, welcher ein Ominvore ist, sind die Beutetiere eines Karnivoren viel größer. Der Wolf muss in der Lage sein, sein Maul um den Hals der Beute zu schlingen, um sie schnell und effektiv zu töten. Dazu braucht der Wolf auch eine möglichst hohe Beißkraft. Diese kann trainiert werden, da sie besonders mit den Kiefermuskeln zusammenhängt. Erlegt ein Wolf zumeist kleine Beute, wie Hasen oder Kaninchen, ist die Beißkraft verhältnismäßig gering. Ein Vertreter der gleichen Art, welcher eher Rehe und Hirsche fängt, benötigt und besitzt eine höhere Beißkraft.

Auch die Kopfform gibt Aufschluss über die Fressgewohnheiten von Tieren. Karnivore haben nach vorne gerichtete Augen. Das erleichtert es, die Beute zu erspähen. Die Augen von Wölfen und Hunden sind vergleichsweise schlecht, sie reagieren aber sehr stark auf Reize. Außerdem haben diese Tiere keine „Rundum Sicht“, weil sie die schlichtweg nicht brauchen. Wölfe reagieren deutlich stärker auf Geräusche. Ihre nach oben gerichteten Ohren wirken wie ein Hörrohr. Da sie ihre Ohren auch sehr stark drehen können, kann ein Tier im Gebüsch sehr schnell geortet werden.

Generell sind Karnivore weitsichtig, damit sie die Beute in weiter Entfernung sehen können. Im Vergleich dazu sind Pflanzenfresser dazu konzipiert, die Jäger schnell zu erspähen. Sie haben viel größere und bessere Augen, welche seitlich am Kopf sitzen. Damit können sie herannahende Gefahr schnell erkennen, auch aus großer Entfernung.

Streichelt man einem Hund den Kopf merkt man schnell die Rille im Schädel. Sie sitzt mittig über der Nase und verläuft von den Ohren bis zum Nasenrücken. Das ist die Stelle, wo die massiven Kiefermuskeln mit dem Kiefer verbunden sind. Sie sorgen dafür, dass der Unterkiefer auf- und zuschnappen kann, verhindert aber die Seitwärtsbewegung. Eine Seitwärtsbewegung wäre notwendig um Pflanzen zu zermahlen.

Das Gebiss eines Wolfes sieht genau aus wie das eines Haushundes. Beide haben lange, spitze Zähne und keine Mahlzähne. Obwohl viele Tiere gelegentlich Fleisch essen, sind Karnivore die einzigen Säugetiere mit spitzen Prämolaren, also Backenzähnen. Mit diesen speziellen Prämolaren kann der Wolf, und auch der Hund, problemlos durch Fleisch und Knochen beißen. Sie können damit die Tiere töten, festhalten, Knochen zerkleinern und große Fleischstücke herausreißen. Karnivore kauen ihr Futter auch nicht, sondern zerkleinern die Stücke nur so, dass die gerade eben herunter geschluckt werden können. Knochen werden auch eher mit den Prämolaren zerkleinert, die vorderen Incisivi (vergleichbar mit den Schneidezähnen) schaben das Fleisch vom Tier und halten die Beute fest. Die Reißzähne haben die gleiche Aufgabe, nur dass sie am Tiefsten in das Fleisch sinken und somit die Beute töten. Die Molare, die Backenzähne, bereiten das Fleisch zum Schlucken vor. Es wird leicht zerkleinert, um durch die flexible Speiseröhre zu passen.

Die Speicheldrüsen sekretieren zwar Speichel, allerdings hat dieser eine komplett andere Aufgabe als beim Menschen. Er legt sich wie eine flutschige Schicht um die Nahrung und erleichtert das Abschlucken. Im Vergleich zu Herbivoren wird nur wenig Speichel produziert. Desweiteren ist die Beschaffenheit des Speichels abhängig von der Nahrung. Bei Trockenfutter zum Beispiel ist der Speichel sehr dünnflüssig. Die Beschaffenheit sendet ebenfalls Nervenreize an das Gehirn, das die Information an die Speicheldrüsen weitergibt, um einen stetig abgestimmten Speichel zur Verfügung zu stellen. Der Speichel enthält weder bei einem Wolf, noch bei einem Hund, das Enzym Amylase. Somit kann die Stärke aus der Nahrung noch nicht in Glukose umgewandelt werden. Hunde und Wölfe produzieren dafür das Enzym Lysozym, welches Bakterien und andere gefährliche Keime bei Berührung sofort denaturiert. Somit sind Hunde auch deutlich weniger für Krankheiten wie Salmonellen anfällig.

Würde ein Karnivor Enzyme schon im Speichel produzieren, würde er sein eigenes Maul gefährden und verdauen, da die Enzyme so unterschiedlich zu denen eines Pflanzenfressers sind.

Der Magen des Wolfes ist ebenfalls sehr stark mit dem des Hundes zu vergleichen. Ungefüllt ist der Magen ein U-förmiger Sack, welcher etwas hinter den Schulterblättern sitzt; gefüllt gleicht er eher einer Kugel. Wölfe und Hunde haben einen relativ großen Magen, welcher sich stark vergrößern kann. Dies ist nötig, da Wölfe nicht regelmäßig Beute fangen können und oftmals mehrere Tage gar nichts zu fressen haben. Sie fressen an einem Beutetag sehr viel, würgen es gegebenenfalls an einem sicheren Platz wieder hoch und vergraben es. Wölfe fressen oft ihre ganze Wochenportion an ein oder zwei Tagen und fasten des Rest der Woche, weil sie keine Beute erlegen können. Jagen benötigt sehr viel Energie und ist extrem anstrengend. Wölfe sind sehr ressourcensparende Jäger und jagen nur bei Bedarf. Die Magenflora denaturiert alle Mikroorganismen, bzw. tötet sie zumindest ab, weil sie höchstaggressiv ist. Bei einem Fleischfresser wird Magensaft nur bei Bedarf gebildet. Frisst ein Hund etwas, so wird Magensaft gebildet, frisst er (auch über einen längeren Zeitraum) nichts, wird gar kein Magensaft gebildet. Je größer die Fleischbrocken sind, desto länger müssen sie im Magen verweilen, um angedaut zu werden. Demnach macht eine Fütterung von großen Stücken mehr Sinn, weil der Magen des Karnivors länger gefüllt ist und der Hund länger satt bleibt.

Der Darm des Hundes und auch des Wolfes sind sehr kurz. Ein Pflanzenfresser, wie ein Schaf, hat eine Darmlänge von ca. 20 bis sogar 40m langen Darm, ein Omnivore wie das Schwein von 20 bis 27m und ein Hund von ca. 5 bis 7m. Der Darm dient der Aufschließung und der Resorption der Nahrung, des Durchmischens, der Weitertransports und Abtransport von unverdaulichen Bestandteilen wie Faserstoffe.

Im Dünndarm findet der Großteil der Aufschließung statt. Im Zwölffingerdarm wird der Bauchspeichel und Gallenflüssigkeit hinzugefügt, um die Nahrung in deren Grundbausteine Aminosäuren, Fettsäuren und Einfachzucker umzuwandeln. Die Leber sondert stetig Galle ab, welche in der Gallenblase gespeichert wird und nach Bedarf an den Zwölffingerdarm abgegeben wird. Die Galle zerteilt Fett, das danach vom Pankreassaft mit Hilfe der Pankreaslipase, einem fettspaltendem Enzym, komplett in Aminosäuren aufgespalten wird.

Die Leber dient außerdem der Aufnahme und Abgabe der bei der Verdauung entstandenen Produkte, welche in den Stoffwechsel eingeschleust werden müssen.

Die Pankreas ist bei Karnivoren die einzige Quelle des Enzyms Amylase, welche Polysaccharide in Monosaccharide umwandelt. Bekommt ein Hund viele Kohlenhydrate in Form von Getreide (Reis, Kartoffeln, Hafer etc.) zu fressen, droht eine Pankreasinsuffizienz. Die Pankreas kann gar nicht genug Amylase produzieren, um all die Kohlenhydrate zu verdauen. Die Amylasekonzentration im Bauchspeichel ist nämlich sehr gering und liegt nur bei ca. 1,4%. Somit können nur äußerst wenig Kohlenhydrate verarbeitet werden, ohne zu einer Überfunktion des Bauchspeichels zu führen, da nicht nur Amylase allein produziert werden kann, sondern nur der Bauchspeichel als Ganzes.

Der Bauchspeichel wirkt außerdem antibakteriell und denaturiert alle Pathogene und für Hunde schädliche Keime. Zusammen mit der Magensäure gelangen keine Keime in den Dickdarm, weshalb Karnivore sehr selten an Verdauungskrankheiten leiden. Zwar wird der gesamte Dünndarm konstant von einer kleinen Anzahl Pathogene bewohnt, aber die nützlichen Bakterien überwiegen.

Im Leer- und Krummdarm werden die vorher aufgespaltenen Nährstoffe aufgenommen. Die Absorption findet durch die Darmwand statt, welche über Darmzotten zur Oberflächenvergrößerung verfügen. Über die Darmzotten und über den Blutkreislauf werden die Nährstoffe zu den Zellen transportiert. Am Ende des Dünndarms sind lediglich unverdauliche Materialien, wie z.B. tote Zellen der Darmwände, Wasser und unverdauliche Mineralien und Vitamine übrig.

Weder Wolf, noch Hund, können im Dickdarm Nährstoffe absorbieren. Einzig Wasser und Elektrolyte werden herausgefiltert und aufgenommen. Im Idealfall, bei einer artgerechten Fütterung, werden nur ca. eins bis vier Prozent der Nährstoffe im Dickdarm aufgenommen, wohingegen bei einer kohlenhydratreichen und schlechtverdaulichen Ernährung noch 12 bis 24% der gesamten Verdauung im Dickdarm stattfinden. Der Dickdarm eines Fleischfressers ist nicht dazu konzipiert, hohe Mengen an Nährstoffen aufzunehmen, da die Masse kaum dort verweilt. Der Dickdarm stellt mehr eine Verbindung zwischen Dünndarm und Anus dar, welcher praktischerweise die Masse von Wasser befreit, und eher weniger ein aktives Verdauungszentrum zur Nährstoffabsorption. Mikorben im Dickdarm können zwar einige Faserstoffe zerkleinern, welches durch Gärung erreicht wird, aber es wird dabei kaum Energie hergestellt. Die Energie wird lediglich den Zellen im Enddarm zur Verfügung gestellt. Diese Faserstoffe werden vom Wolf hauptsächlich durch Federn, Krallen, Sehnen und unverdauliche Knochenbestandteile aufgenommen.

Welche biologische Bedeutung hat das für den heutigen Haushund?

Da der Hund genau den gleichen Verdauungstrakt, mit den gleichen Merkmalen, wie ein Wolf hat, steht fest, dass der Hund und der Wolf zwar teilweise vom Aussehen nicht unterschiedlicher sein könnten, aber doch beides Karnivore sind. Beide besitzen keinen nenneswerten Amylasegehalt im Pankreassaft, beide haben einen sehr kurzen Darm im Verhältnis zum Körper, beide haben das gleiche Gebiss und beide besitzen einen verhältnismäßig großen Magen, der bis zu 70% des gesamten Verdauungstraktes ausmacht.

Der Hund kann also keine großen Mengen Getreide oder Pflanzen verdauen, da er nicht die benötigten Mahlzähne hat und das Getreide viel zu lange im Verdauungstrakt verweilen würde. Im Gegenteil, bei einer dauerhaften Getreidefütterung wird die Pankreas überstrapaziert, es kommt zu einer Pankreasinsuffizienz.

Der Hund und der Wolf unterscheiden sich in ihrer DNA nur um 0,02%. Aus diesem Grund sollte der Hund wie ein Wolf ernährt werden. Forscher fanden heraus, dass ein Grauwolf durchschnittlich 80% Muskelfleisch – davon mindestens 15% Fett – , 10% Knochen und 10% Innerein frisst, aus denen das Beutetier besteht. Ein Hundefutter sollte also diese drei Komponenten in der richtigen Verteilung erhalten, damit der Hund artgerecht ernährt wird. Die bestmögliche Ernährung wird geschaffen, wenn man den Hund mit ganzen Beutetieren, wie auch der Wolf sie fangen würde, ernährt. Diese Beutetiere decken den Bedarf an Nährstoffen sowohl für den Hund, wie auch den Wolf, ab. Eine Ernährung nach diesem Prinzip nennt sich Prey Model Raw.

Der übliche Grauwolf frisst ein oder zwei Mal die Woche, dann aber sehr viel auf einmal. Da der Magen sehr dehnbar ist, kann er solche Mengen problemlos verdauen. Man kann auch den Hundemagen trainieren, so dass man seinen Hund nur einmal die Woche füttern muss. Der Hundemagen wird so regelmäßig gefüllt, wie auch der des Wolfes. Der Hundemagen ist ein Muskel, der bei einigen Hunden mehr trainiert, und bei anderen Hunden weniger trainiert ist. Bekommt der Hund verhältnismäßig große Mengen an Futter und hat somit einen gut trainierten Magen, sinken die Risiken einer Magendrehung. Dabei dreht sich der Mageneingang einmal um sich selbst. Am Mageneingang liegt das größte Blutgefäß zur Versorgung des Magens und somit kann keine ausreichende Blutversorgung zum Magen mehr gewährleistet werden. Der Magen wird nicht mehr durchblutet und stirbt ab. Wird eine Magendrehung früh genug diagnostiziert, kann notoperiert werden und der Hund hat eine Überlebenschance. Die meisten Fälle einer Magendrehung gehen leider tödlich aus. Füttert man den Hund also nur wenige Male die Woche, wird dieses Risiko so minimiert, dass eine Magendrehung fast unmöglich ist. Allerdings muss „All you can eat“ sehr sehr langsam und sorgfältig aufgebaut werden, weil der Magen zu Extremleistungen angetrieben wird!

Der Hund sollte durch seine Nahrung so wenig Kohlenhydrate wie möglich bekommen. Wie bereits erwähnt werden diese kaum verdaut und haben nur sehr wenig Nutzen für einen Karnivoren. Aufgespaltener Zucker ist sogar sehr schädlich für Fleischfresser – Zucker setzt Insulin frei, welches Entzündungen hervor rufen kann. Ebenso ernähren sich Krebszellen bei Hunden alleine von Zucker. Außerdem entzieht Zucker dem Körper Mineralien und Nährstoffe, was zu Nierenschäden führt.

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Eine ausgewogene Hundeernährung – Muskelfleisch, Knochen und Innereien im richtige Verhältnis

Bekommt ein Hund artgerechtes Futter, ist der pH-Wert des Verdauungstraktes im Normalbereich zwischen eins und zwei. Dieser kann bei nicht artgerechter Fütterung teilweise in den neutralen Bereich verschoben sein. Die aggressive Magensäure ist aber wichtig, um ein parasitenfreies Milieu zu formen und schützt den Magen-Darm-Trakt vor Bakterien. Außerdem zersetzt die Magensäure die Nahrung – Hunde mit einem eher neutralen Magensaft bekommen oft Bauchschmerzen, weil sie die Nahrung kaum verdauen können.

Der Wolf schüttelt bei Beutetiere ab Hasengröße den Magen des Beutetieres aus oder lässt den ganzen Verdauungstrakt ungefressen. Die halbverdauten Pflanzenmaterialen haben keinen anderen Nutzen für einen Fleischfresser als Ballaststoff und Fasermaterial, welches Wölfe aber durch den Verzehr von Federn, Fell und Krallen zu sich nehmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Hund und der Wolf immer noch sehr nah verwandt sind und den gleichen Verdauungstrakt besitzen. Sie können beide keine Kohlenhydrate verdauen, da sie das Enzym Amylase nicht in ausreichender Menge produzieren können. Beide haben den typischen Darm eines Fleischfressers und besitzen den gleichen Gebissaufbau, obwohl sich die DNA des Hundes zu 0,02% von der des Grauwolfes unterscheidet.


Quellen:

Lee, J.: The inner carnivore. A guide to species appropriate raw feeding for cats & dogs. Alberta, Kanada: 2014.

Reinerth, S.: Natural Dog Food. Rohfütterung für Hunde. Ein praktischer Leitfaden. Noderstedt: 2005.

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