Der Dreh mit der Erziehung

Hundeerziehung ist alles andere als kinderleicht; das lernt man schon früh. Ebenso gibt es hunderte von Erziehungsratgebern, Tipps und sogar Foren und Facebookgruppen. Lotti und ich waren uns bis letztes Jahr auch nicht ganz einig, welcher Philosophie wir denn folgen wollen, denn egal wo man welches Bild postet, steht dort ein Terrier ohne Halsband und Leine, ist man sprachlos. Die hört aber gut, Mensch wie vorbildlich, Wie habt ihr das denn geschafft, sind Sätze, die wir fast jedes Mal zu hören bekommen. Oft wird man gefragt, nach welchem bekannten Hundetrainer man denn arbeite, ob Rütter, Cesar Millan oder etwas anderem.

Ganz ehrlich? Ich arbeite weder nach Millan, noch nach Rütter.

Cesar Millan, der „Hundeflüsterer“ arbeitet mit massiven Zwängen, er benutzt Würgehalsbänder und Druck bei seinen Hunden. Er setzt die Hunde unter enormen Stress, bedrängt sie und fordert das Fehlverhalten heraus, nur um den Hund dann zu maßregeln. Seine „Der Mensch ist Rudelführer“ Theorie hält sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Trotzdem feiert dieser Mann, den viele schon als Tierquäler bezeichnen, einen großen Erfolg, besonders in Amerika. Dort kann ich es allerdings verstehen, denn parieren die Hunde dort nicht, werden sie in die Shelters gebracht und eingeschläfert. Wie oft habe ich in meinem Auslandsjahr Geschichten von Hunden gehört, die weggegeben oder eingeschläfert wurden, weil sie nicht stubenrein waren, das Haus vor Fremden verteidigten oder einfach bellten. Bei den meisten Fällen lag es wahrscheinlich einfach an der fehlenden Auslastung. Wenn ein Terrier- oder Hütehundmischling in einen 10-Kinder-Haushalt zieht und einmal die Woche Gassi geführt wird, hat man früher oder später ein Problem. Dabei wollte man einen sportlichen Hund, damit man vielleicht mehr joggen geht! Wird der Hund für einen kurzen Zeitraum also massiv unter Druck gesetzt, damit er schnell lernt, ist das alles andere als ideal, aber die amerikanische Mentalität. Je schneller, desto besser. Oft geben Menschen ihren Hunde 3, vielleicht 4 Wochen, bis sie vorzeigbar und gut erzogen sind. In so kurzer Zeit kann man keinen Hund nachhaltig erziehen, aber durch die Verunsicherung und Angst hat man eine Chance.

In Deutschland hat man diese Ausrede allerdings nicht. Die Mentalität ist eine andere, ein Hund darf nicht ohne Grund eingeschläfert werden. Mittlerweile hat fast jedes noch so verschlafene Städtchen einen Hundetrainer, den man fragen und bei dem man sich Hilfe holen kann.

Martin Rütter ist der berühmteste deutsche Hundetrainer, selbst Nichthundehalter kennen ihn. Ob als Komedian, Hundetrainer oder Buchautor, jeder Hundehalter ist schon einmal über ihn gestolpert. Er setzt auf den Futterdummy, viele Leckerlies und Auslastung. Im Grundsatz überhaupt nicht schlecht, aber meiner Meinung nach muss man dem Hund auch mal sagen, was er falsch macht! Rütter arbeitet regelmäßig mit einer Sprühflasche voll Wasser und macht den Hund nass, alternativ auch mit einer Rütteldose oder Trainingsdiscs. Beides sind nicht zuordbare Reize, ähnlich eines Strom- oder Geruchshalsbandes. Der Hund erfährt Schmerz oder Schreck und weiß nicht woher. Ist der Halter nicht extrem zeitgenau erfährt der Hund auch nicht, welche Handlung genau falsch war. Macht der Hund etwas richtig, wird er mit Leckerlies vollgestopft. Was macht man, wenn einem die Leckerlies ausgehen? Hört der Hund dann nicht mehr? Natürlich muss alles kleinschrittig aufgebaut werden, aber die Leckerli sollten immer weiter ausgeschlichen werden! Ein Punkt, den leider viele „Hundeprofis“ überspringen.

Dass der Hund ausgelastet wird, ist ein großer Pluspunkt. Allerdings wird bei fast jedem Hund der Futterdummy eingesetzt. Leider hilft der nicht immer! Will der Hund den nicht annehmen, wird die Tagesration Futter nur noch über den Dummy gegeben, anstatt nach einer Alternative zu suchen. Vielleicht würde der Hund viel lieber schnüffeln oder raufen? Obwohl Rütter aus der Retrieverszene kommt, kann ich das überhaupt nicht nachvollziehen. Jeder Hund ist anders, aber Rütter behandelt fast alle Hunde gleich! Sinnvoller wäre es, einen Hund nach seinen eigenen Interessen auszulasten und nicht nur nach Schema X. Lotti zum Beispiel findet einen Futterdummy zwar interessant, würde den aber kein Stück beachten, sollte vor ihr mal ein Feldhase hoch gehen. Mit einem „Such verloren“ hätte ich allerdings noch die Chance, sie wieder zu mir zu bekommen.

Viele Menschen sagen ihren Hunden nicht, was sie falsch machen. Sie nehmen es hin und sollte es sie mal nerven, dann ist Holland in Not.

Ist das den Hunden gegenüber fair?

Sollte man ihnen nicht sofort sagen, wenn sie etwas falsch machen, damit sie die Möglichkeit haben, es richtig zu machen?

Lotta kennt ihre Grenzen, trotzdem macht sie manchmal Fehler, genau wie ich. Gerade vorhin hat sie einen anderen Hund angebellt, obwohl sie weiß, dass das nicht in Ordnung ist. Wir haben das geübt und sie kennt es. In dem Moment habe ich ihr klar gemacht, dass das Anbellen immer noch doof ist und sie es sein zu lassen hat. Hätte ich sie machen lassen, würde sie es sich wieder angewöhnen und dazu tendieren, andere Hunde oft anzubellen. Wieso sollte ich erst reagieren, wenn sie es sich wieder angewöhnt hat? Ich hätte es ihr vorher schon sagen können. Ich hätte ihr die Möglichkeit geben MÜSSEN, ihr Verhalten sofort zu ändern, bevor es Gewohnheit wurde!

Macht doch nicht immer einen der tollen Fernsehprofis nach, hört auf euer Bauchgefühl!

Tut, was ihr für richtig haltet, egal ob ihr schiefe Blicke von anderen erntet!

Lasst euch von Wildfremden keine Erziehungstipps geben, überlegt selber und zieht eure eigenen Schlüsse!

  • 17.09.2016
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6 thoughts on “Der Dreh mit der Erziehung

  1. Wie du recht hast, ich bin ja ein bekennender Rütter Fan (ja ich stehe dazu), und oft hat er zum Thema Auslasung einfach recht… ich habe schon mehrere Seminare bei den unterschiedlichen D.O.G.S. Teilgenommen, aber in den Konzept von Martin ist der Futterbeutel nicht das allein rezept…. 🙂
    Auch unsere Trainerin , die ich immer fragen kann wenn es mal ein Problemchen gibt, ist von D.O.G.S und sie zeigt eine vielfahlt an methoden auf… es muss einfach zum Mensch Hund Team passen, und darauf geht sie ein.

    Aber ich muss dir voll und ganz recht geben, hört auf euer bauchgefühl…

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    1. Dass die Auslastung im Vordergrund steht, finde ich sehr sinnvoll. Wie gesagt, das Ding mit dem Futterbeutel ist überhaupt nicht unseres und ich finde es schade, dass er nichts Neues ausprobiert. Dennoch finde ich, dass es für Hunde mit Freude am Futterbeutel nichts falsches ist!
      Man muss es nur, wie bei allem anderen auch, abwägen und entweder für gut befinden, für schlecht oder eben die hilfreichen Sachen herausfiltern.
      Liebe Grüße!

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  2. Oh .. schade. Der Titel hörte sich sehr vielversprechend an und machte mich neugierig. Deswegen bin ich jetzt hier. Ich finde es etwas schade, dass da wieder ein „Klagelied“ über „prominente Trainer“ dabei ist. Ich hatte auf mehr eigene Erfahrungen und deine Meinung gehofft, die ohne namentliche Nennung eben deklarierter „prominenter Profis“ auskommt. Aber nichts desto trotz, mag ich deinen Beitrag auch irgendwie. Denn ich gebe dir recht, dass man nicht alle Hunde und Problemchen pauschalisieren und nach anderer Leute Vorbild handeln kann. Man muss sein Wissen über den eigenen Hund und das eigene Bauchgefühl dabei mit einbeziehen. Allerdings gelingt vielen das nicht ohne Hilfe und ich spreche da aus Erfahrung, wenn ich sage, dass es nicht sehr leicht ist wirklich kompetente Hilfe als Laie zu erhalten. Hundeschulen und -trainer gibt es wie Sand am Meer aber die wenigstens sind kompetent genug, Wissen und Intuition gepaart mit den unterschiedlichen Hunden in Einklang zu bringen und anzuwenden. Natürlich liegt das alles auch stets im Auge des Betrachters und ich bin da vielleicht auch besonders streng. Aber für meinen Teil habe ich noch keinen Trainer (also bei mir im Umkreis) gefunden, den ich Leuten empfehlen kann. Nur mal so als Beispiel. Aber dafür studiere ich ja nun auch die nächsten Jahre, um später dieser Trainer für andere hier sein zu können. 🙂
    Davon mal ganz abgesehen, nützt ein Trainer allein nichts, wenn man nicht selbst aktiv mit seinem Tier arbeitet und das vor allem auch MÖCHTE. Mit wollen spricht man ja nicht von „Okay ja, lass mal zur Hundeschule gehen, das ständige Bellen nervt und die werden dem das schon Austreiben.“ sondern von „Ich möchte selbst aktiv daran arbeiten, meinem Hund verständlich zu machen, dass ich das Bellen nicht haben möchte und ihm Alternativen gebe.“. Aber schon das scheint in 80% der Fälle (was Hundehalter betrifft) nicht in die Köpfe zu gehen. Allgemein wird immer zuerst davon ausgegangen, dass allein die Umweltreize für das Verhalten des Tieres verantwortlich sind und verändert werden müssten – wo es doch die Pflicht des Halters ist, auf sein Tier einzugehen und ihm einen anderen Weg zu zeigen, TROTZ Reizen und Einflüssen von außen.
    Okay, ich verliere mich ein wenig. Ich denke du weisst was ich sagen wollte. Ich hoffe es. 😉
    Einfach die „Promis“ weglassen, die sorgen doch eh permanent für Zündstoff bei allen, und schreiben was du so mit Lotta machst. Ich denke, das interessiert die meisten viel mehr! Mich zumindest! 😉

    Ganz liebe Grüße,
    Claudi

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    1. Vielen Dank Claudi, obwohl du vom Thema abgekommen bist! 😉
      Ich werde demnächst auf jeden Fall etwas dazu schreiben, es fehlt ja auch noch das Resumee zum „Ein Monat ohne Leckerli“. Ich hänge wegen der Schule im Moment einfach hinterher, so viel Zeit habe ich nicht mehr !:(
      Bei uns in der Region ist das etwas anders. Wir haben ganz viele Hundehalter, die mit ihren Hunden aktiv arbeiten möchten und bereit sind, etwas zu ändern. Das finde ich toll! Nur leider sind manchmal die Methoden etwas fragwürdig bzw. würde ich so etwas mit Lotti nicht machen (wobei ich da auch sehr eigen bin). Manchmal frage ich mich wirklich, ob die Menschen jetzt aus dem Bauch herau gehandelt haben, oder ob die „Hundetrainer“ die Menschen schon so gut abgerichtet haben… Ganz schade finde ich auch einen neuen Trainer bei uns, der jedem Hund erstmal ein Stachelhalsband um macht, weil das ja Eindruck schindet beim Hund. Egal, welches Problem der hat! Da wird mir immer ganz flau, wenn ich den aus der Ferne sehe.
      Naja, ich mache so etwas mit Lotti auf jeden Fall nicht, aber wie gesagt, da kommt demnächst auch ein ausführlicher Beitrag drüber!
      Liebe Grüße,
      Paula

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  3. Großartig! Du hast Recht. Schema F funktioniert eben nicht bei jedem und man muss sich seinen eigenen Weg suchen oder den entsprechenden Trainer finden, mit dem der Weg klappt.

    Grade mit dem anderen Hund anbellen. Meine kleine Leinenpottsau ist mittlerweile so weit, dass ich an 95% aller Hunde vorbei komme. Aber diese letzten verdammten 5% kläfft sie nicht nur an, die will sie Schreddern. Wir sind also noch dran, aber ich gebe niemals auf!

    Flauschige Grüße
    Sandra & Shiva

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    1. Vielen Dank Sandra! Man muss viel mehr auf sein Bauchgefühl hören, so viele vergessen das.
      Ich finde, du kannst ganz stolz auf dich sein, dass ihr solche Fortschritte gemacht habt, das ist doch toll! Jeder Hund hat seine Problem(chen), bei Lotti sind es die Schnüffelein und bei Shiva eben die anderen Hunde. Du gibst nicht auf und das ist das wichtige! Selbst wenn du nie auf 100% Erfolg kommst, ist es doch wumpe. Du hast es versucht, du bleibst kontinuierlich dran und ihr zwei habt einfach schon ganz viel geleistet! Das muss man sich immer vor Augen halten, damit man auch mal sich selbst auf die Schulter klopfen kann.
      Liebe Grüße,
      Paula und Lotti

      Gefällt 1 Person

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