Rasselisten – Sinn oder Unsinn?

Rasselisten – wieso gibt es sie überhaupt?

Seit 2000 gibt es die Kampfhundelisten, in denen bestimmt wird, woran man einen „gefährlichen“ Hund bzw. einen „Kampfhund“ festmacht. Grund für die Einführung der Liste war ein tödlicher Beißvorfall eines, als danach so eingestuften, „Listenhund“. Diese „Kampfhunderassen“ dürfen in Deutschland nicht eingeführt werden, natürlich gibt es einige wenige Ausnahmen (Behinderten-/Blindenbegleithunde, Rettungshund, Diensthunde der Polizei oder Bundeswehr und bei kurzfristigen Aufenthalten von max. 14 Tagen). Halter der Rassen sehen sich tagtäglich Vorurteilen gegenüber, die Tierheime quellen über vor „Listenhunden“ und Kommunen erheben eine erhöhte Hundesteuer. Was man sich davon erhofft hat? Es sollten weniger Hunde der angehörigen Rasse gehalten werden. Die „Kampfhunde“ wurden früher oft zu Bullen- oder Hundekämpfen verwendet und sind oft breit gebaut, haben einen breiten, großen Schädel, sind groß, muskulös und haben oft eine relativ kurze Schnauze.

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Bosley, ein lieber und toll aussehender „Listen“hund aus Amerika

 

Welche Hunde stehen auf der Rasseliste?

American Staffordshire Terrier, Pit Bull, Bullterrier, Bandog und viele mehr. Welche überhaupt auf der Liste stehen, kommt auf das jeweilige Bundesland an, in Niedersachsen gibt es zum Beispiel keine Liste und man kann jede Rasse halten, in anderen Bundesländern sieht das deutlich anders aus. Es wird unterschieden zwischen Gruppe 1 und Gruppe 2, unter Gruppe 1 fallen Rassen, die von „Grund auf böse“ sind und auf Lebenszeit unter Leinenzwang, Maulkorbpflicht und anderen Auflagen leiden, Rassen der Gruppe 2 können nach erfolgreichem Ablegen eines Wesenstests von den Auflagen komplett befreit werden, sie können dann wie ein „normaler“ Hund leben.

Rasseliste
Quelle: http://www.vitaler-hunde.com/haltung/urlaub-mit-listenhunden

 

 

Meiner Meinung nach ist eine Liste alles andere als aussagefähig Hunde jeglicher Rasse und Art können auffällig und aggressiv werden, das ist alles eine Frage des Hundehalters. Sozialisiert man seinen Hund gut, setzt ihm auch schon früh in geeigneter Weise Umweltreizen und anderen Menschen aus, was man mit jedem Hund oder Welpen machen sollte, dann hat man auch mit einem „Kampfhund“ einen lieben, treuen Begleiter an seiner Seite. American Staffordshire Terrier sind zum Beispiel in Amerika auch als „Nanny Dogs“,

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Diego, auf Instagram unter @tuff_sausage bekannt, kuschelt am Liebsten mit seinem Kuscheltier oder seinem Frauchen!

Kinderhunde, bekannt. Sie haben ein offenes Wesen, sind verspielt und oft gut drauf. Listenhunde sind Hunde wie alle anderen! Das sollte man sich immer vor Augen halten! Nach einem einmaligen Beißvorfall durch einen „Kampfhund“ hat man mehr oder weniger Hals über Kopf eine Rasseliste erstellt, viele der Politiker, die an deren Erstellung beteiligt waren, hatten keine große Ahnung von Hunden, hatten selber keinen Hund, sondern haben sich der Mehrheit gebeugt und den „Hohen Tieren“ nachgegeben.
Ich persönlich finde, dass, wenn es schon unbedingt eine Liste geben muss, auch andere, oft verhaltensauffällige Hunde darauf stehen sollen. Darunter fallen die Deutschen Schäferhunde, Malinois und auch die beliebten Retriever, aber auch Terrier! Das alles sind Hunde mit enormen Energiepotential (na gut, bei den Retrievern ist schon einiges durch die Zucht kaputt gegangen, aber sie haben immer noch viel Energie!). Werden die nicht gerecht ausgelastet und schieben Langeweile, dann kann das fatale Folgen haben, wie eben Aggression. Hat man seinen Hund dann nicht unter Kontrolle, kann es zu Beißvorfällen kommen.
Generell halte ich rein gar nichts von der Rasseliste, ich bin auch froh, dass ich in einem Bundesland ohne Rasseliste wohne.

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Kulleraugen, Knutschgesicht, ein Pit Bull wie aus dem Bilderbuch!

Bei uns wurde im Juni 2013 der Hundeführerschein eingeführt für ALLE Hundehalter, die sich nach dem 1. Juli 2011 erstmals einen Hund angeschafft haben und nicht anderweitig als sachkundig gelten, also zum Beispiel eine Begleithundprüfung abgelegt haben. Dabei muss man bevor man den Hund zu sich holt die theoretische Prüfung machen und die Praktische muss innerhalb des ersten Jahres der Hundehaltung abgelegt werden. Der Hund darf allerdings nicht jünger als 12 Monate sein.
Ich habe 2013 den Hundeführerschein gemacht, obwohl wir den rein rechtlich nicht gebraucht hätten, aber wenn man den Hund frei laufen lassen möchte in der Innenstadt oder auf Auslaufwiesen in unserer Stadt muss man einen Hundeführerschein vorweisen können Die Prüfung ist überhaupt nicht schwierig und besteht nur aus Aufgaben, die jeder Hund können sollte! Sitz, Platz und Bleib im Park, das ordentliche Laufen an der Leine und das Abrufen, sowie das Ausführen des Abbruchsignals (Nein!) und Maulkorb tragen gehört dazu. Hat man die Prüfung bestanden, dann bekommt man eine Urkunde und eine Plakette für das Halsband (oder den Schlüsselbund) und hat die Erlaubnis zur Hundehaltung und den Freilauf. In manchen Gemeinden wird man sogar von der Hundesteuer ausgenommen! Listenhunde werden übrigens in keiner Weise bevorzugt oder benachteiligt, sie müssen exakt die gleichen Aufgaben ausführen wie Nichtlistenhunde.

Ein Vergleich der Beissvorfälle in Sachsen-Anhalt aus dem Jahr 2014. Wie man sieht, sind nicht die „Listenhunde“ die Anführer der Statistiken!

 

sachsenanhalt_beissvorfaelleQuelle: http://www.lvwa.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Politik_und_Verwaltung/LVWA/LVwA/Dokumente/bauordnungkommunales/201/hunde/2015_anlage_3.pdf

Auch aus der Statistik in Berlin aus 2010 sieht man, dass die Listenhunde fast an letzter Stelle stehen, auf den ersten Plätzen sind haupsächlich Jagdhunde!

Berliner StatistikQuelle: http://www.bz-berlin.de/artikel-archiv/das-laute-gebell-ums-neue-hundegesetz

Andere Länder, andere Sitten

Wie oben schon angesprochen, werden Pit Bulls und vor allem American Staffordshire Terrier in Amerika – zumindest in Oklahoma, wo ich lebe – selten als Kampfhunde gesehen!

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Bosley darf den ganzn Tag auf einem riesigen Hof frei laufen

Auch hier kommt nach und nach das Vorurteil hoch, dass sie aggressiv sind und beißen, aber sie werden immer noch häufig als Familienhund gehalten. Eine Rasseliste gibt es hier in der Form nicht, allerdings gibt es manchmal in Städten eine Größenregel, wie alles über 40 cm darf nicht gehalten werden. Hundehaltung in Amerika ist definitiv eh komplett anders, deshalb ist es schwer, die zwei Länder zu vergleichen!
In Dänemark wurde zum Glück die strikte Hundeverordnung von 2010 nach 4 Jahren wieder abgeschafft, Hunde dürfen nicht mehr einfach so eingeschläfert werden, sondern es bedarf ein Gutachten eines Hundetrainers, um den Hund zu konfiszieren. Pit Bulls und Tosa Inus sind trotzdem nicht erlaubt, auch nicht als Besucherhunde. Dänemark hat auch eine Rasseliste, auf der ähnliche, bis auf wenige Ausnahmen sogar die gleichen, Rassen stehen wie in Deutschland.
In den Niederlanden gibt es übrigens gar keine Rasseliste! Dort können alle Hunde einreisen und alle Hunde gehalten werden, ein Vorbild für Deutschland. picsart_03-10-05.16.10.jpg
In der Schweiz, ein Land, welches in Sachen Tierschutz normalerweise ein Vorbild für Deutschland ist, hat eine Rasseliste, die sogar noch länger ist als die Deutsche, schade eigentlich. Man braucht für Schäferhunde, egal ob Deutscher, Belgische oder sonstige, eine Haltungserlaubnis!

Abschaffung in Sicht?

Wie auch in Niedersachsen, wurde in Schleswig-Holstein auch beschlossen, die Rasseliste abzuschaffen. Das Prinzip ist ähnlich, man muss ebenfalls einen Hundeführerschein machen, hat eine Haftpflicht- und Chippflicht und darf alle Hunde halten, ebenso ist das Züchten der ehemaligen Rasselistenhunde wieder erlaubt. Es gibt allerhand Petitionen zur Abschaffung der Rasselisten, immer mehr Leute kämpfen dagegen an und möchten sie loswerden. Wirklich konkrete Pläne stehen allerdings noch nicht aus, es scheint dennoch, als hätte Niedersachsen einen Stein ins Rollen gebracht und zeigt, dass es auch ohne Liste geht!


 

So, da ich mich mit dem Thema Rasselisten zwar beschäftigt habe, allerdings in einem kleinen Vorort lebe und alle „Kampfhunde“, die ich persönlich kenne, wirklich dem Klischee vom bösen, grossen Hund bestätigen, habe ich Sandra von Instagram gefragt, ob sie nicht vielleicht die ein oder andere Frage beantworten könnte. Und was soll ich sagen, sie hat zugestimmt! Also lest selbst, wie das Leben mit einem Pit Bull ist!

Was hast du für Erfahrungen mit Diego bzw. mit Listenhunden in Deutschland gemacht? Und im Vergleich in Korea?

In Deutschland haben wir auf einem kleinen Dorf gewohnt, und alle kannten und mochten Diego. Das Lustige war, dass niemand jemals gefragt hat, was Diego überhaupt ist. Und teilweise standen dann die Leute dort und haben Diego den Kopf getätschelt, und gesagt ‘Oh Diego, ja hallo, wo ist denn mein süsser Diego?’

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Naja, mit viel Unwissen kann er auch als Labrador durch gehen… Zumindest vom Charakter!

und im gleichen Atemzug, ‘also diese Pit Bulls und Rottweiler, mit denen will ich ja nichts zu tun haben, die sollen ja ganz schlimm sein’. Ich hab in Deutschland ganz oft gemerkt, dass viele Menschen sich eine Meinung bilden, ohne überhaupt eine Idee zu haben, worüber sie überhaupt reden. Kein Mensch kannte einen Pit Bull oder hatte tiefgehende Erfahrungen, und die meisten haben nur das weitergegeben, was sie irgendwann mal in den Medien aufgeschnappt haben. Die, die behauptet haben, sie kennen Listenhunde, haben meist die Rassen verwechselt und es hat sich nicht um einen Listenhund gehandelt. Was bestätigt, dass die Listen kompletter Unsinn sind. Das Gleiche passiert übrigens in den Staaten.

In Korea weiß jeder, dass Diego ein Pit Bull ist. Wir sind noch nirgendwo hingekommen, ohne dass die Leute gesagt hätten, ohhhhhh, a pit bull!!!! Und dann passieren entweder zwei Dinge – sie fangen an zu weinen, oder fallen in sich zusammen, oder rennen weg auf der einen Seite, oder sie wollen ihn unbedingt anfassen, klatschen laut mit den Händen, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen und fragen, ob er sie beißen wird, wenn sie ihn anfassen. Darüber ist auch ein Blogartikel bei Project Blue Collar herausgekommen, den ich geschrieben hab: Klick hier!

Werden Listenhunde bevorzugt, benachteiligt oder gleich behandelt in Tierheimen in Korea (wenn es da so etwas überhaupt gibt?)

Korea hat keine Listen, also ist das etwas anders. Hier geht es um die Grösse des Hundes, und das ganze Land hat grundsätzlich immer noch Angst vor großen Hunden, und das sind fast alle über 5kg. Die Kleinen werden sehr verhätschelt und es ist ein Millionengeschäft, von Mode bis zur Pediküre mit Glitzer und Nagellack. Die Großen sind an der Kette und leben unter sehr schlimmen Bedingungen.

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Weder an der Kette, noch winzig klein, trotzdem darf Diego ein gerechtes Hundeleben leben, ob in Korea, Deutschland oder Amerika!

Kaum zu Essen, meistens kein Dach über dem Kopf, es ist ziemlich schlimm. Und dann sind da noch die Hundemärkte. Eigentlich illegal, aber es gibt Hunderte.
Pit Bulls sind die einzige Rasse in Korea, die eigentlich total verboten ist. Das liegt daran, dass die Menschen historisch nur Pit Bulls hatten, um sie für Kämpfe zu benutzen. Niemand hat große Hunde als Familienhunde, und schon gar keine Pit Bulls. Wenn man in den letzten Jahrzehnten Pitties sah, dann nur, weil sie irgendeinem Hundekämpfer davongelaufen sind. Und dann werden sie ganz oft zu Kraftbrühe verarbeitet, weil es die Leute männlicher machen soll. Die junge Generation kämpft ganz schön hart, das alles zu ändern, aber da Traditionen und der Respekt den Alten gegenüber hier sehr stark sind, ist es extrem schwierig. Seit einigen Jahren schläfern die Tierheime Pit Bulls nicht mehr direkt ein, sondern versuchen, ihnen ein Zuhause zu vermitteln. Die Chancen sind allerdings gleich Null. Wir versuchen im Moment einen der wenigen Pit Bulls, der im Tierheim gelandet ist und dort seit Jahren wartet, in die USA zu bekommen.

Wie hast du Diego bekommen? Als Deutsch-Amerikanische Familie einen Hund aus Portugal zu adoptieren ist auch nicht alltäglich!

Diego wurde in einer großen Aktion von der ASPCAI in Portugal aus einer Hundekampforganisation gerettet, zusammen mit Dutzenden anderen Hunden, fast alles Pit Bulls. Die Hunde waren in extrem schlechtem Zustand, und Diego hätte es fast nicht geschafft.

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Ein faires Leben: Diego ist mittlerweile wieder vollends auf dem richtigen Weg und geniesst das Leben!

Sie wurden auf mehrere Länder aufgeteilt, und in Deutschland gab es vor 10 Jahren noch nicht so viele Bundesländer, die Rasselisten hatten. Diego war einer der Hunde, der nach DE kamen. Und ich habe Bilder von ihm gesehen, total nackt, mit Bisswunden, Hautlappen, die herunterhingen, total abgemagert, aber seine Augen und Öhrchen waren oben und er sah aus, als würde er nicht aufgeben wollen. Zu der Zeit war er schon adoptiert, musste aber noch zur medizinischen Versorgung in der Klinik bleiben. Was ich ganz schlimm fand, denn ich wollte ihn unbedingt haben. Ich habe das Foto gesehen, und wusste, das ist mein Hund. Ich wollte ihn einfach beschützen und ihm versprechen, dass er nie wieder leiden muss. Der Mann, der ihn adoptiert hat, durfte ihn aber dann nicht behalten, da sein Mietvertrag sagte, keine Haustiere. Die ASPCAI hat mich dann kontaktiert und gefragt, ob ich noch Interesse an “Rocky” hätte, und da hab ich dann natürlich sofort ja gesagt. The rest is history 😉

Wirst du auf der Straße oft angesprochen, weil du mit einem „gefährlichem“ Hund Gassi gehst? Oder wird oft die Straßenseite gewechselt, wenn man euch begegnet?

Das passiert eher selten. Also in Korea natürlich schon, allerdings sind wir seit 3 Jahren hier und mittlerweile kennen ihn alle, und auf den Wanderungen sagen viele ‘oooh, Diegooo!! Hello!’ In Deutschland hat kein Mensch die Seite gewechselt, selbst wenn ich in die Stadt bin. Mir wurde sogar viel gesagt, er sei ein so schöner Hund. Und dann ganz oft, ‘das ist doch ein Ridgeback, ne?’ Wie gesagt, die Leute haben fast nie wirklich Ahnung, wovor sie überhaupt Angst haben.

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Auf keinen Fall schlecht erzogen oder beissend, sondern eher das genaue Gegenteil (ausser man besteht aus Erdnussbutter, aber welcher Hund kann da schon Nein sagen?!)

 

Was denkst du über Rasselisten allgemein, über die Rassen auf den Rasselisten (also ob die gerechtfertigt sind, sprich schneller aggressiv/dir Rassen auf der Rasseliste „fehlen“ bzw. ob du dich als „Listenhundehalter“ benachteiligt fühlst) und was hältst du von den Hundeführerschein?

Das hättest du mich mal besser nicht gefragt, denn das wird bestimmt lang 😀 Darüber hab ich meine Magisterarbeit in Soziologie geschrieben, und es hat 2 ½ Jahre gekostet, die zusammenzustellen. Direkt mal zum Kern der Sache – Listen für gefährliche Hunde sind erwiesenermaßen totaler Schwachsinn, kosten tierisch Geld, sind absolut nicht effizient, da sich nicht nicht das Problem beheben, dass sie lösen sollen, und kosten Hunderttausenden von Hunde im Jahr das Leben. BSL – breed specific legislation oder Rasselisten – sind vergleichbar mit racial profiling unter Menschen und schwerstem Rassismus. Es ist schwer, dieses Thema in ein paar Absätzen zu diskutieren und ihm gerecht zu werden.
Das National Canine Research Center, the American Society of Veterinary Behaviorists (die strengste Organisation im veterinärmedizinischen/verhaltensprägenden Bereich, die es gibt), die American Bar Association (alle registrierten Anwälte), Forscher in Niedersachsen, Studien in Kanada, aber vor allem hunderte Langzeitstudien in den USA bestätigen, dass American Staffordshire Terriers, American Pit Bull Terriers und ihre Mixe (allgemein ‘Pit Bulls’ genannt) sich in keinster Weise in ihrem Verhalten weder in Aggressivität noch “Gefährlichkeit” von anderen Rassen abheben. Ganz im Gegenteil – Die American Temperament Testing Society prüft jedes Jahr über 10.000 Hunde, und American Pit Bull Terrier schneiden immer besser ab, als die meisten sog. Familienrassen. Sie sind in den letzten 10 Jahren immer in den Top 5 gelandet.

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Ein schlechtes Gewissen braucht man als „Kampfhundehalter“ nicht zu haben: Sie sind sogar lieber als Labrador und Co.!

Vorneweg ist es sehr wichtig zu sagen, dass es verhaltenstechnisch keine aggressiven Rassen gibt. Es gibt zwar Rassen, die historisch für bestimmte Zwecke gezüchtet wurden, allerdings hat das keinen Einfluss mehr auf das Verhalten der Hunde, die heute leben. Weiterhin werden die meisten Hunde, die in Bisse und Übergriffe involviert sind, als Pit Bulls missidentifiziert. Die Medien haben eine riesige Rolle in der Hetzjagd nach Pit Bulls gespielt, in den USA sowie in Europa. Und die Politiker stehen dann unter Druck, schnell was machen zu müssen, um ihre Wähler zu behalten, und greifen dann zu Listen. Eine ganz tolle Studie und ein sehr gutes Buch zu diesem Thema ist “The Pit Bull Placebo” von Karen Delise, das an den meisten Unis im Stammbuchbereich zu Verhalten zu finden ist.
Listen sind einfach gefährlich, und bewirken oft das Gegenteil von dem, was sie erreichen wollen – weniger Hundeübergriffe. In ausnahmslos allen Ländern/Staaten/Provinzen wo BSL eingeführt wurde, sind die Statistiken nicht besser geworden. Ganz im Gegenteil, die Population an Hunden ist durch Tausende von toten Pit Bull gesunken, aber die Beissstatistiken gleichgeblieben.

Sogar der American Kennel Club, sehr streng in der Einhaltung von Zucht-und Rasselinien (und das ist noch ein ganz anderes Thema, das ich hier nicht ansprechen kann – aber ich reagiere in den USA extrem sensibel auf Züchter und Leute, die sehr viel Geld für ihre Hunde ausgeben, wenn jährlich über 4 Millionen Hunde in den Tierheimen sterben.) bestätigt in einer eigenen Studie, das Rasselisten ganz schlimme Auswirkungen haben.

Und deswegen fühle ich mich als Hundehalter natürlich extrem benachteiligt. Diego ist ein lizenzierter Therapiehund und hat sowohl in den Staaten als auch in Europa strenge Tests abgelegt und mit 1 bestanden. Und er ist ein wirklicher ‘Kampfhund’, im wahren Sinne des Wortes. Es ist schlimm, wenn man seine Routen so planen muss, damit einem der Hund, ein Teil der Familie, nicht weggenommen wird, wenn man durch den falschen Bundesstaat fährt, dass man teilweise extreme Fahrzeiten hinnehmen muss, weil der Hund dort, wo man arbeitet, nicht erlaubt ist, dass man keine Wohnungen oder Häuser bekommt, weil die Vermieter ‘solche Hunde’ nicht im Haus haben wollen. Und dass alles komplett ohne Grund und wissenschaftliche Erkenntnisse.

Vom Hundeführerschein halte ich nur insofern etwas, als dass alle Hundehalter ihn machen sollten/müssten, sobald sie sich einen Hund zulegen. Damit sie lernen, wie Hunde sich verhalten, wie Hunde lernen, wie man sie richtig trainiert, etc. Und wie man sicherstellt, dass man einen stabilen Partner an der Seite hat, auf den man sich verlassen kann und der nicht um sich beißt.

Ist Diego/sind „Listenhunde“, ob aus dem Tierheim oder vom Züchter anders, als andere Hunde, sprich muss man mit denen vorsichtiger sein oder besondere Sachen beachten?

Wie ich oben gesagt habe, kommt es beim Verhalten zu 90% nicht auf die Rasse oder sogar darauf an, ob der Hund ein Listenhund ist, vom Züchter, aus dem Tierheim, oder ‘normal’. Es kommt auf die derzeitige Situation an. Und man kann alles trainieren, selbst bei hoch aggressiven Hunden und solchen mit Verhaltensauffälligkeiten ist es sehr oft möglich, sie so weit zu trainieren, dass sie ein normales und gutes Leben führen Der Spruch ‘it’s all in how they’re raised/es kommt immer darauf an, wie sie erzogen werden’ ist auch sehr, sehr schlimm. Denn das würde heißen, alle Hunde, egal welcher Rasse, die jemals im Tierheim gelandet, geschlagen, ausgesetzt, oder irgendwie misshandelt wurden, müssten eingeschläfert werden, da sie ja nicht richtig erzogen wurden. Es ist mittlerweile tausendfach bewiesen, dass Hunde aus Kampfringen, Tierheimen, Misshandlungsfaellen, puppy mills, etc. genauso leben können wie Hunde, die ‘richtig’ erzogen wurden. Insofern spielt also die Tatsache, dass Diego ein gelisteter Hund sowie ein misshandelter Hund ist, keine Rolle.

Ist Diego ein friedlicher Hund? Lässt er sich von Fremden streicheln, ist entspannt in Gegenwart von Kindern, hat er Jagdtrieb, ist er eventuell aggressiv oder entspricht er dem typischen, lieben und freundlichem Pit Bull?

Diego begeistert mich jeden Tag. Ich kann manchmal nicht glauben, dass jemand, dem so viele schreckliche Sachen widerfahren sind, so toll sein kann. Er ist extrem lieb, und sehr, sehr geduldig, mag Kinder, hat panische Angst vor Katzen und Vögeln (echt! 🙂 )

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Ob Angsthase oder Bettvorlieger: Generell gilt, dass jeder Hund anders ist!

und ich liebe es, mit ihm Zeit zu verbringen. Allerdings ist er nach wie vor ein Hund, und es ist meine Aufgabe, zu schauen, dass er nicht von uns Menschen in die Ecke getrieben wird. Ich finde es immer schlimm, wenn Leute meinen, sie müssten allen zeigen, wie lieb ihr Pit Bull ja ist (oder auch andere Rassen), indem sie ihr Kind auf ihm herum klettern lassen, und ihn in andere Situationen bringen, die jeden Hund stressen würden! Er hat auch einen ziemlich ausgeprägten Jagdsinn, hat aber grundsätzlich zu viel Schiss, nah an irgendetwas heranzugehen. Pit Bulls sind außerdem extrem menschenbezogen und Diego ist da nicht anders (was sie zu grausamen Wachhunden macht).

Ich bedanke mich wirklich von ganzem Herzen bei Sandra, dass sie mir so so lieb meine Fragen beantwortet hat, obwohl sie gerade im Stress sind, und ich ihre Fotos von Diego für den Beitrag benutzen durfte!
Ich hoffe, dass alle, die Vorurteile gegen Pit Bulls, American Staffordshire Terrier und Co. Haben, etwas die Augen geöffnet wurden, das war nämlich einer der Gründe für mich, diesen Post zu schreiben.

Paula

  • 11.03.2016
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One thought on “Rasselisten – Sinn oder Unsinn?

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